Duisburger Kanzelrede brachte Wissensvermittlung zur Klimakrise

„Mit den Gesetzen der Physik kann man nicht verhandeln“

Einen Gastredner, der es schafft, komplizierte Zusammenhänge verständlich zu vermitteln, begrüßte am letzten Sonntag der Dr. Christoph Urban, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Duisburg, zur ersten Kanzelrede des neuen Jahres in der gut gefüllten Salvatorkirche. Professor Doktor Mojib Latif zählt weltweit zu den am häufigsten zitierten Wissenschaftlern. Der Meteorologe, Ozeanograph und Klimaforscher ist Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome. Sein Thema war „Die Klimakrise als globale Herausforderung: Wie wir als Gesellschaft auf die Bedrohung durch den Klimawandel reagieren können“. „Wir wissen, dass wir Menschen den Zustand der Erde leider oft negativ beeinflussen, deshalb gehört die Bewahrung der Schöpfung zur Selbstverpflichtung der Kirche“, führte Urban die Besucher zum Thema hin.

Latif bestieg die Salvatorkanzel ohne ein schriftliches Konzept bei sich zu haben. Sein flüssiger, dicht mit Informationen bestückter Vortrag verzichtete ganz auf wissenschaftliches Spezialvokabular und vermittelte eine Ahnung davon, warum er so gerne zitiert wird.
„Mit den Gesetzen der Physik kann man nicht verhandeln und keine Kompromisse schließen“, sagte er und wies darauf hin, dass die wesentlichen Fakten zum Treibhauseffekt schon seit einer wissenschaftlichen Arbeit aus dem Jahr 1896 bekannt sind. Bei 68 Prozent Stickstoff und 21 Prozent Sauerstoff in der Atmosphäre und 0,9 Prozent Argon, von dem nur Gott allein wisse, wofür es gut sei, bleibe nur ein geringer Anteil für die sogenannten Spurengase, von denen CO2 eins sei. Sinke der Anteil von CO2 stark ab, dann sinken auch die Temperaturen auf der Erde, steigt es an, dann kommt die Erderwärmung in Gang. „Es ist völlig gleichgültig, an welcher Stelle der Welt das CO2 ausgestoßen wird, das Gas verteilt sich innerhalb von Wochen um den ganzen Erdball und bleibt für Jahrhunderte in der Atmosphäre“, sagte Latif zur Erklärung, warum nur alle Länder der Welt das globale Problem der Klimakrise gemeinsam lösen könnten.

Dass es diese Klimakrise geben wird, ist spätestens seit 1972 klar, als der Club of Rome mit der Veröffentlichung des Buches „Grenzen des Wachstums“ treffsicher prognostizierte, wohin der sich stets erhöhende Verbrauch fossiler Brennstoffe wie Öl, Kohle und Gas in absehbarer Zeit führen würde. „Wir haben also kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“, schlussfolgerte Latif. Und führte die Gründe dafür auf die menschliche Natur zurück. „Die Neurowissenschaftler sagen, dass unser Hirn auf die Lösung kurzfristiger Probleme ausgelegt ist, aber langfristige Entwicklungen lassen sich leichter ignorieren“, bedauerte der Professor.

Als Konsequenz schlug Latif vor, mehr Anreize für klimaschonendes Verhalten zu schaffen. „Das System darf umweltschädliches Verhalten nicht weiter belohnen. Gerade in der Landwirtschaft subventionieren wir im großen Stil Umweltverschmutzung. Im Ergebnis sind biologisch erzeugte Lebensmittel teurer als konventionell erzeugte, das müsste umgekehrt sein“, sagte Latif, „die Menschen möchten nicht immer nur belastet werden, sondern Vorteile für vernünftiges Verhalten sehen.“ Er ließ Hoffnung aufkommen, als er vorrechnete, dass zwar der weltweite Ausstoß von CO2 seit 1990 um 60 Prozent zugenommen habe, in Deutschland aber um 46 Prozent gesunken sei. Aber er räumte auch ein, dass Deutschlands Anteil am weltweiten Ausstoß mit nur zwei Prozent keinen großen Beitrag zur Entschärfung der Lage leisten könne. Besser als die 28 Klimakonferenzen, die wenig austrügen, sei es, an Gesellschaftsmodellen zu arbeiten, die den Beteiligten Ländern Vorteile brächten. Wenn Saudi-Arabien die guten Voraussetzungen zur Erzeugung von grünem Wasserstoff nutzen könnte und garantierte Absatzmärkte hätte, dann wäre das ein gutes Argument, die Ölfördermengen zu drosseln.

Den Zuhörern riet er zum Fahrradfahren, Herbert Fürmann, der anwesende Vorstandssprecher des Duisburger Fahrradclubs (adfc) hörte es mit stiller Freude. Auch ein Tempolimit setzt Mojib Latif privat selbsttätig durch. „Ich fahre konsequent nicht mehr als einhundert Stundenkilometer auf der Autobahn, jetzt werden einige von Ihnen vielleicht sagen: Ach, Sie sind das! Ja, ich stehe dazu und habe ausgerechnet, dass ich dabei im Jahr mehrere hundert Euro spare.“

Die Zuhörenden zeigten sich angetan und ließen Latif mit einem großen Applaus wissen, dass sein Vortrag im besten Sinne erhellend war.

Text: Sabine Merkelt-Rahm

Das Bild zeigt Dr. Latif auf der Kanzel der Duisburger Salvatorkirche, Foto: Bartosz Galus

Das Format „Kanzelreden“ hat der Evangelische Kirchenkreis Duisburg anlässlich des 400-jährigen Jubiläums der 1. Reformierten Generalsynode entwickelt, die vom 7. bis 11. September 1610 in der Salvatorkirche tagte. Diese Synode hat nicht nur bleibend die Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland geprägt, sondern hat auch erstmals in der Geschichte der Kirchen Nicht-Theologen auf Augenhöhe und gleichberechtigt in Entscheidungsprozesse einbezogen. Dieser Impuls wurde in den Kanzelreden aufgenommen, wo gezielt Nicht-Theologen gebeten werden, zu relevanten gesellschaftlichen Entwicklungen das Wort zu ergreifen. Dies haben seit 2010 u. a. Charlotte Knobloch, Dr. Jürgen Schmude, Fritz Pleitgen, Manni Breuckmann, Prof. Dr. Udo Di Fabio, Kai Magnus Sting, Prof. Dr. Norbert Lammert, Dr. Gregor Gysi, Katrin Göring-Eckardt, Dr. Mark Benecke und zuletzt Mojib Latif getan. 

Infos zum Evangelischen Kirchenkreis Duisburg gibt es im Netz unter www.kirche-duisburg.de

 

  • 15.1.2024
  • Rolf Schotsch
  • Bartosz Galus