Der Besuch der alten Dame in ihrer Taufkirche

Einladungen zur Tauferinnerung sind in den Gemeinden nichts Ungewöhnliches. Kinder im Grundschulalter stürmen dann mit ihren Paten die Gemeindehäuser, zünden noch einmal die Taufkerze an und verbringen einen netten Nachmittag.

Es ist jedoch ganz ausgeschlossen, dass sich noch jemand an die Taufe von Brigitte Schroer erinnert, denn die liegt 100 Jahre zurück. Anfang September feierte die Seniorin ihren 100. Geburtstag und erzählte dabei der Reporterin der WAZ Duisburg, dass sie 1925 in der Duisburger Innenstadt geboren und in der Salvatorkirche getauft worden sei. Den Artikel las man auch in der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Duisburg. Und so kam es zu einer besonderen Idee. „Wieso laden wir die alte Dame nicht einfach in unseren nächsten Abendmahls-Gottesdienst ein? Dann kann sie sich ihre Taufkirche noch einmal anschauen?“

Nachdem der Kontakt zu Frau Schroer hergestellt war, zeigte sich, dass sie sich über die Möglichkeit, mal rauszukommen, wirklich freute. Die pensionierte Betriebsleiterin einer Hamborner Modefabrik hat ein sehr aktives Leben geführt und ist durchaus nicht versöhnt mit all den Einschränkungen, die das hohe Alter so mit sich bringt. Ein paar Stunden Alltagsbegleitung von der Evangelischen Altenhilfe nimmt sie inzwischen in Anspruch. Aber sie wohnt immer noch in der eigenen Wohnung und kocht sich ihr Essen selber. Nur das Rausgehen ist schwierig geworden und die Gelegenheiten spärlich, auch weil es keine Verwandten mehr gibt und die letzten Freunde weit weg wohnen.

Sich fremden Menschen anzuvertrauen ist in dem Alter keine Kleinigkeit, aber Frau Schroer hat Schneid bis in die Knochen und wagte das Abenteuer. Auf den fürsorglichen Arm des freundlichen Fahrers von den Krankenfahrten Duisburg Nord gestützt, den die Gemeinde ihr für den Transport organisiert hatte, langte sie wohlbehalten in der alten Stadtkirche an. Dort hatte der Küster ihr schon einen weichen Sessel in die erste Reihe gestellt.

Sie plauderte angeregt mit Pfarrer Stefan Korn und Küster Holger Kanaß und wunderte sich, wo wohl die Orgel geblieben ist. Die thront inzwischen hoch über dem Kirchenschiff, bei ihrem letzten Besuch in ihrer Taufkirche war sie noch vorne im Altarraum. Dem Gottesdienst folgte die alte Dame aufmerksam und nahm im großen Kreis, der sich direkt um ihren Sessel bildete, am Abendmahl teil. Es gab einen spezielles Segenswort für sie: „Lebensfreude suche dich täglich auf, Glück schneie zuweilen herein und Träume sollen sich niederlassen bei dir.“ Und Pfarrer Korn überreichte ihr ein Büchlein über die siebenhundert Jahre alte Salvatorkirche und eine Bronzemedaille mit einer Abbildung des Labyrinths aus der Kathedrale von Chartres.

Das mit der Lebensfreude hat für diesen Tag auf jeden Fall hingehauen. „Sie wissen gar nicht, was Sie mir mit dieser Einladung für eine große Freude gemacht haben“, sagte sie beim Abschied von der Gemeinde mit großer Gemütsbewegung. Auf der Heimfahrt lotste sie den Fahrer vergnügt und ortskundig über eine Abkürzung zurück zu ihrem Meidericher Zuhause.

Noch weiß sie nicht, dass in den nächsten Tagen nach Anmeldung eine Botin der Gemeinde vorbeischneien wird, um ihr einen Ausdruck der Predigt und der Segensworte zu bringen und die Fotos, die bei ihrem Besuch in der Salvatorkirche entstanden sind.

Text: Sabine Merkelt-Rahm

 

Zum Bild: Brigitte Schroer mit Pfarrer Stefan Korn – beim Besuch in ihrer Taufkirche Salvator; Foto: Bartosz Galus

 

 

  • 23.09.2025
  • Rolf Schotsch
  • Bartosz Galus