Jede Form des Antisemitismus ist Sünde und darf in Kirche und Theologie nicht vorkommen

In vielen Bücherschränken stehen seine Evangelien-Kommentare zum Neuen Testament bis heute, weil sie für Theologiestudierende noch bis in die neunziger Jahre zur absoluten Standardlektüre gehörten. Aber wer sich näher mit dem evangelischen Theologen Walter Grundmann beschäftigt, den packt das blanke Entsetzen.

„Wie Jesus zum ‚Arier‘ wurde – Das Eisenacher ‚Entjudungsinstitut‘ und der Antisemitismus Walter Grundmanns“ war beim Pfarrkonvent am 23. Februar im Evangelischen Kirchenkreis Duisburg das Thema. Bei der Gemeinschaftsveranstaltung mit der Gesellschaft für Evangelische Erziehung und Bildung e. V. (GEE) und der Gesellschaft für Christlich- Jüdische Zusammenarbeit (CJZ) Duisburg-Mülheim-Oberhausen e.V. hielt Dr. Torsten Lattki, der Studienleiter beim Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit einen Vortrag, der es in sich hatte.

Grundmann, der 1906 in Chemnitz in eine völkisch-national denkende Familie geboren wurde, studierte von 1926 bis 1930 evangelische Theologie in Leipzig, Rostock und Tübingen und wurde im Anschluss Assistent bei dem antisemitisch gesinnten Neutestamentler Gerhard Kittel, zu dessen Theologischen Wörterbuch zum NT er 20 Artikel beitrug. Grundmann trat schon1930 der NSDAP bei und war ab 1934 förderndes Mitglied der SS. „Walter Grundmann war schon vor 1933 ein überzeugter NS-Anhänger“, fasste Torsten Lattki seinen Werdegang zusammen. Grundmann schloss sich folgerichtig den Deutschen Christen an und gab die Zeitschrift „Christenkreuz und Hakenkreuz“ heraus. Ab 1938 lehrte er als ordentlicher Professor für „Neues Testament und Völkische Theologie“ an der Universität Jena. 1939 wurde er akademischer Direktor des, auf der Wartburg gegründeten „Instituts zur …Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das Deutsche kirchliche Leben“ in Eisenach. Ziel war neben der Forschung auch eine „entjudete Volksbibel und eine Schule zur Indoktrination von Pfarrern, Lehrern und Kirchenvertretern. Forschung und Lehre geschahen in enger Abstimmung mit den NS-Ministerien und dem Gauleiter Julius Streicher.

11 von 16 Landeskirchen finanzierten das Institut, darunter auch die Kirchenprovinz Rheinland. „Grundmann sah in Jesus einen „rassischen Galiläer“, was, wie Lattki erläuterte als Codewort für „Arier“ benutzt wurde. Sein Engagement für eine „entjudete“ Bibel betrachtete er als Vollendung der Reformation: Luther habe den Katholizismus überwinden müssen, nun müsse das Judentum überwunden werden. Als „ein Stück Kriegseinsatz deutscher Religionswissenschaftler“ sah er sein Wirken. Zum physischen Kriegseinsatz kam es ab 1943. Grundmann wurde eingezogen und nach kurzer Kriegsgefangenschaft 1945 entlassen.

Zunächst verlor er seine Professur und wurde auch für eine Pfarrstelle nicht berücksichtigt, aber schon 1950 war er wieder als Pfarrer tätig. Ganze 30 Entlastungsgutachten für ihn kamen zusammen. 1954 wurde er Rektor des Eisenacher Katechetenseminars. Gleichzeitig machte er als IM Berg Karriere bei der Staatsicherheit der DDR, für die er bis 1969 über kirchliche Angelegenheiten berichtete. Seiner Karriere als Neutestamentler hat es sicher nicht geschadet, dass er durch seine engen Kontakte zur Stasi ungehindert reisen und in der BRD an Kongressen teilnehmen konnte.

Reue erwartet man von einem Mann wie ihm vergebens. „Einsatz für das Christentum“ sei sein Leben gewesen, schreibt er 1945 an den thüringischen Landesbischof. Worte des Bedauerns für die Millionen Toten des Holocaust findet er nicht. „Das Judentum ist für ihn eine berechnende, rachsüchtige und zutiefst unsympathische Religion geblieben“, stellt Lattki fest und fügt hinzu: „Deshalb hat er nach Kriegsende fünfundvierzig tendenziell die Entjudung fortgesetzt, wenn auch verdeckter“. Die Kunsthistorikerin und Psychologin Uta Grundmann hat ein Buch über ihren Großvater geschrieben in dem sie zu einer weit weniger nachsichtigen Position über sein Wirken kommt, als er selber. In ihrem Buch „Antisemitismus und Ambivalenz“ schreibt sie, dass Grundmann „auch als Theologe, der die meiste Zeit seines Lebens am Schreibtisch zugebracht hat, ein Täter war, der…mitschuldig geworden ist am millionenfachen Mord an den europäischen Juden“.

„Jede Form des Antisemitismus ist Sünde und darf in Kirche und Theologie nicht vorkommen“, schloss Lattki seinen dichten, mit vielen Zitaten belegten Vortrag. „Wir sollten wieder sehr aufpassen, wo wir stehen und was wir dagegenhalten können“, gab er seiner Zuhörerschaft noch mit.

Gerda Koch von der GEE wird immer nachdenklich, wenn sie in der Weihnachtszeit Krippen in Kirchen sieht. „Wie oft da doch so ein blondgelocktes, blauäugiges Kind in der Krippe liegt, was ja ursprünglich nicht zu erwarten war“, sagt sie.

Text: Sabine Merkelt-Rahm

 

  • 02.03.2026
  • Rolf Schotsch
  • Red