Gefängnisseelsorger Hauke Faust steht Rede und Antwort

  • Rolf Schotsch

Zur Veranstaltungsreihe „Café Notkirche trifft… Menschen aus Kirche und Gesellschaft“ begrüßte Pfarrer Stefan Korn in Duisburg Duissern einen Gast mit fast 25 Jahren Knasterfahrung. Der Gefängnisseelsorger Hauke Faust war ab 2001 zunächst im Jugendgefängnis in Ottweiler im Saarland tätig. Er wechselte 2004 in die JVA (Justizvollzugsanstalt) Hamborn und seit 2017 ist er mit je einer halben Stelle in Hamborn und in der JVA Kleve im Dienst.

„Ein Gefängnis ist quasi ein Dorf hinter Mauern, wo brennpunktartig die meisten Dinge genauso stattfinden, wie draußen auch“, erzählt Pfarrer Faust seiner interessierten Zuhörerschaft. In der Hamborner JVA sind die meisten Insassen zwischen 20 und 40 Jahre alt und sie kommen aus 47 verschiedenen Nationen. Ihnen wird wiederholtes Schwarzfahren vorgeworfen oder Diebstähle, Drogenhandel, sexueller Missbrauch, Körperverletzung, Totschlag oder Mord.

„Sie müssen ihre privaten Sachen abgeben, werden auf verbotene Gegenstände untersucht und kommen in einen sechseinhalb Quadratmeter Haftraum in dem ein Bett steht, ein Tisch, ein Stuhl ein Schrank und eine Toilette, mehr nicht“, nimmt der Seelsorger die Zuhörer mit in das Erleben eines Untersuchungshäftlings ohne Knasterfahrung. „Dazu kommen die Gedanken: Was weiß die Polizei? Was wird aus meiner Wohnung? Hält meine Beziehung das aus?“ Die Gefangenen fühlen sich isoliert, kennen die Rangordnung in der JVA nicht, in der sich Drogen- und Zuhälterbosse mit guten Verbindungen oben einsortieren und Junkies und Sexualstraftäter ans untere Ende gedrückt werden. 60 Prozent der Inhaftierten sind drogen- oder alkoholabhängig, viele davon haben Persönlichkeitsveränderungen und psychiatrische Diagnosen. Wer suizidgefährdet ist, kommt in einen Haftraum, der mit zwei oder drei Inhaftierten belegt ist.

Wecken ist morgens um sechs Uhr, Frühstück, Arbeit, Mittagessen, Arbeit, eine Stunde Freigang auf dem Hof, Abendessen. Danach gibt es Gruppenangebote und Sportmöglichkeiten. Nicht jeder Insasse hat Arbeit und 23 Stunden am Tag in der Zelle sitzen ist „verdammt langweilig“, wie Hauke Faust betont. Einen Fernseher kann man sich in der JVA mieten. Wer arbeitet, kann sich von seinem geringen Lohn alle 14 Tage bei einem Händler Tabak, Süßigkeiten, Pflegeprodukte und Kaffee kaufen.

„Wer ist denn nun mein Chef?“ fragt Faust, seine Zuhörer zeigen nach oben und kichern. „Hier auf Erden bleibt jedenfalls der Superintendent mein Vorgesetzter, die JVA leiht mich von der Kirche nur aus, aber in Sicherheitsfragen ist natürlich die Anstaltsleitung mir gegenüber weisungsbefugt“, erklärt er und fügt hinzu: „Nach Artikel vier des Grundgesetzes gehört das Recht auf ungestörte Religionsausübung zu den Grundrechten jedes Menschen.“

Ein wesentlicher Unterschied zu den anderen Bediensteten in der JVA gehört zum Kern seiner Arbeit. Es gibt das Sicherheitspersonal, die Anstaltsleitung, Sozialarbeiter, Drogenberater, Lehrer und Psychologen, die alle Akten führen und die Fortschritte des Gefangenen oder seine Verstöße dokumentieren. Nur der Gefängnisseelsorger steht unter Schweigepflicht. Was die Gefangenen ihm anvertrauen, landet nicht in ihrer Akte und fällt nicht auf sie zurück. Faust hört sich oft lange traurige Geschichten an. Und bewahrt sich aus Erfahrung ein Eckchen Misstrauen. „Wenn ich das Gefühl habe, dass ich manipuliert werden soll, um etwa zusätzliche Telefongespräche oder Treffen zu ermöglichen, dann schaue ich auch schon mal in die Akte. Normalerweise begegne ich den Insassen lieber möglichst unvoreingenommen“, sagt er. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Taten, das vergisst er nie im Umgang mit den Gefangenen. Krisenbegleitung gehört zu seinen Aufgaben, Gesprächsgruppen, Kontakt mit Angehörigen und natürlich Gottesdienste. Dabei schmeichelt er sich nicht, dass die gute Quote von 10 Prozent Gottesdienstbesuchern nur an seinen Predigten liegt. Sonntage sind halt im Knast besonders langweilig und jede Abwechslung willkommen. „In Kleve habe ich sogar einen kleinen Chor“, sagt Faust sichtlich erfreut, „und wenn wir die Lieder für den nächsten Gottesdienst draufhaben, dann singen wir Schlager.“

Infos zum Café Notkirche und zur Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Duisburg gibt es im Netz unter www.ekadu.de.

Text: Sabine Merkelt-Rahm