Düsseldorf/Raubach. Präses Dr. Thorsten Latzel, leitender Geistlicher der Evangelischen Kirche im Rheinland, predigt im Festgottesdienst zum 800-jährigen Bestehen der Kirche in Raubach – über soziale Gerechtigkeit, die Aufgabe jedes Einzelnen für das Gemeinwohl und die Zukunft der Kirche. Am kommenden Sonntag, 30. August, 11 Uhr, ist der rheinische Präses in der Evangelischen Kirchengemeinde Urbach-Raubach (Kirchenkreis Wied) zu Gast.
Zum Jubiläum der romanischen Dorfkirche aus dem hohen Mittelalter spricht Präses Dr. Thorsten Latzel in seiner Predigt über Gefahren gesellschaftlicher wie kirchlicher Nostalgie: „Jede Zeit hat ihre eigenen Sorgen, Klagen und auch Dankgebete.“ Ausgangspunkt sind die Geschichte der ersten Christinnen und Christen und die Anfänge der urchristlichen Diakonie in der biblischen Apostelgeschichte (Apg 6,1-7): Die Gemeinde wächst – und stellt zugleich fest, dass einige ihrer Mitglieder, die griechischsprachigen Witwen, übersehen werden.
Soziale Gerechtigkeit praktisch leben
Die Erfahrung des „Murrens“ verbindet Menschen damals wie heute. Dass gerade die fremden Witwen in der ersten Gemeinde nicht ausreichend versorgt werden, ist für Latzel kein Nebenaspekt, sondern eine zentrale Herausforderung: „Wer sind die griechischen Witwen unserer Zeit?“ Kirche müsse danach fragen, wer durch das soziale Raster falle und ob Herkunft, Sprache oder andere Unterschiede darüber entschieden, wer gesehen und versorgt werde. Die biblische Botschaft sei dabei eindeutig: „Gott steht auf der Seite der Armen, Witwen, Waisen und Fremden.“ Diakonisches Handeln sei ein Markenzeichen christlichen Glaubens von Anfang an. „Und die Raubacher Dorfkirche ist ein Ort, an dem durch die Jahrhunderte nicht nur über soziale Gerechtigkeit gepredigt wurde, sondern wo sie praktisch gelebt wird.“
Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen
Hinter der alten Geschichte verberge sich eine weitere Geschichte, in der es um Leitungsverantwortung und das Verhältnis der ersten Gemeinden zueinander gehe. Die sieben Männer in der Apostelgeschichte werden mit einer konkreten Aufgabe betraut. Daraus leitet Latzel die Frage ab: „Was ist eigentlich mein Auftrag?“ Jeder Mensch habe von Gott Gaben und Fähigkeiten bekommen. Es komme darauf an, etwas daraus zu machen – für andere, für das Gemeinwohl und die Schöpfung. Wer sich ausschließlich um das Eigene (griechisch idios) kümmere, lebe im wahrsten Wortsinn idiotisch – und verliere den Blick für die Gemeinschaft. Christsein bedeute vielmehr, einander zu trösten, dem Bösen zu widerstehen, Liebe zu leben und sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen.
Die Zukunft der Kirche: Menschen, nicht Steine
Bei aller Dankbarkeit für die 800 Jahre alte Kirche erinnert Latzel daran: Am Anfang der christlichen Gemeinden standen keine Kirchengebäude, sondern Menschen. „Die Kirche Jesu Christi wird aus lebendigen Steinen erbaut.“ Alte Kirchen seien wertvolle Zeugnisse des Glaubens und „durchbetete Räume“. „Sie nehmen uns mit hinein in die lange Geschichte des Glaubens.“ Entscheidend sei aber, was Menschen heute aus ihrem Glauben machten und ob sie Glaube, Liebe und Hoffnung an die nächste Generation weitergäben. Mit Blick auf die Zukunft formuliert Latzel deshalb: „Es ist an uns, die über 800-jährige Tradition des Glaubens hier in Raubach fortzuschreiben.“ Menschen im Jahr 2226 sollten einmal dankbar zurückblicken können auf das, was die heutige Generation getan habe.
