Luke Barton-Andrews, 17jähriger Schüler am Landfermann-Gymnasium, bringt es auf den Punkt: „Hier kann ich loswerden, was mir auf dem Herzen liegt und ich rede mit Menschen, mit denen ich sonst niemals ins Gespräch gekommen wäre. Tolle Aktion“.
„Das Ruhrgebiet spricht“ heißt die Aktion, zu der vier evangelische Citykirchen in Dortmund, Essen, Bochum und Duisburg am vergangenen Samstag interessierte Menschen eingeladen hatte. Auf der Wiese hinter Salvatorkirche kamen gut 30 „Meinungsträgerinnen und Meinungsträger“ zusammen, um sich in ungezwungener Atmosphäre auszutauschen. In Zweier- und Dreiergruppen hielt niemand mit seiner Auffassung hinter dem Berg.
Der Evangelische Kirchenkreis Duisburg, gut unterstützt von den Evangelischen Diensten und der VHS, bewies erneut, dass Zuhören verbindet und Verständigung möglich ist. Für Duisburgs Superintendent Dr. Christoph Urban ist es dabei wichtig, offen zu bleiben auch für andere Meinungen: „Jeder soll seine Meinung sagen und in einen Austausch kommen, dafür wollen wir als Kirche einen breiten Raum bieten.“
Man hat eine ganze Reihe von Themen angesprochen und abgearbeitet. Eines davon war der Klimawandel. Ist die Diskussion darüber übertrieben und ruft unnötige Ängste hervor? Oder ist es bereits fünf nach zwölf, wenn man die steigende Zahl an Naturkatastrophen vor Augen hat?
„Wir spüren den Klimawandel am eigenen Leib“, betonte eingangs Martin Winterberg, Pfarrer an Salvator und Duisburger Ansprechpartner und Wegbereiter der Aktion. Einige angemeldete Teilnehmer hatten aufgrund der Hitze abgesagt. Die Anwesenden suchten sich ein schattiges Plätzchen, so dass gelegentliches Stühlerücken angesagt war, wenn die Sonne ihre Runde machte.
„Reden über Klimawandel ist die eine Seite, etwas Konkretes gegen die Erderwärmung tun, die andere“, lautete der Tenor in mehreren Gesprächsgruppen. Panikmache nutze nichts, aber Maßnahmen und Entscheidungen, die jeder verstehe, schon. Und damit hatte man den Bogen zu einem weiteren Thema gespannt, der Nutzung von Social Media oder KI.
Was da im Netz verbreitet werde an Falschinformationen oder „ungefiltertem Schlucken von KI-News“, sei irreführend und könne eine Gesellschaft irritieren oder gar spalten. Reiner Siebert, gestandener älterer Aktivposten im Evangelischen Kirchenkreis Duisburg, befürwortete im Dialog mit seinem wesentlich jüngeren Gesprächspartner Luke zum Schutz von Kindern und Jugendlichen klare Regel im Netz. „Verantwortung statt Verunglimpfung“ müsse sich breit machen. Das aber, so Luke, setze Aufklärung voraus. Und die beginne schon früh, etwa in der Schule. An „seinem“ Landfermann-Gymnasium gebe es schon so etwas wie eine Informations- und Gesprächskultur innerhalb der Schülerschaft und mit den Lehrern.
Und, so machte der Jugendliche dem älteren Semester Reiner Siebert deutlich, die digitalen Möglichkeiten seien auch eine Chance. Er beispielsweise nutze sie einerseits zur Entspannung im Spiel, aber auch und gerade zur Weiterbildung und zum Blick über den Tellerrand. Da müsse man nicht alles akzeptieren, aber vieles reflektieren.
Ein paar Tische weiter befand sich seine Mutter Verena im „Reflektionsgespräch“. Luke hatte ihr von dem Termin an der Salvatorkirche erzählt und sie ermuntert, mitzukommen, denn schließlich werde ja auch zuhause viel über Politik, Gesellschaft und Zukunft gesprochen. Mit ihren Mit-Diskutantinnen Conny und Andrea war sie bei einigen Themen auf einer Wellenlänge, bei anderen gab es keine Übereinstimmung. Aber wichtig war, dass man die Meinung der anderen, wenn nicht akzeptiere, so doch respektiere. Respekt vor Andersdenkenden sei maßgeblich für eine intakte Gesellschaft. Durch Verteufelung entstehe schnell Hass, waren sich die drei einig.
Nach gut eineinhalb Stunden war die diesjährige Aktion am Standort Salvatorkirche beendet. Alle lobten die ungefilterte Diskussion und die ungezwungene Atmosphäre, zu der Silvester Pece mit seinen Akkordeonklängen im Stil einer anregenden Caféhaus-Musik sorgte. Passend dazu auch das Kaffeemobil der katholischen Kirche.
Martin Winterberg zog ein erstes Fazit: „Gelungen. Kreativ. Zukunftsorientiert. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus Dortmund, Essen und Bochum werde ich das weitere Vorgehen besprechen und die Weichen für eine neuen Aufschlag stellen.“
Text: Reiner Terhorst
Infos zur gesamten Aktion gibt es unter https://dasruhrgebietspricht.de/
Das Bild zeigt Luke Barton-Andrews und Reiner Siebert (rechts) im Meinungsaustausch bei „Das Ruhrgebiet spricht“ 2026 vor der Salvatorkirche; Foto: Bartosz Galus
